Gitarre stimmen: Die 3 besten Möglichkeiten, Deine Akustik- oder E-Gitarre perfekt in Tune zu bekommen.
Gitarre stimmen. Jeder Musiker benötigt ein gestimmtes Instrument, sonst lässt es sich schlecht spielen. Doch Gitarren stimmen ist mit Tücken verbunden. Gerade für Anfänger ist es oft eine Herausforderung, die Akustik- oder E-Gitarre perfekt in Tune zu bekommen. Das liegt zum einen an der offensichtlich fehlenden Erfahrung, zum anderen aber auch daran, dass gerade Akustik-Gitarren sich extrem viel verstimmen, wenn sie neu sind. Oftmals führt das zu sehr viel Frust, und die verschwendete Zeit könnte sonst auch super zum Üben und Spielen benutzt werden.
Leider musste ich schon oft lesen und hören, dass einige Gitarrenlehrer das Stimmen einer Gitarre als “banal und einfach” darstellen. Das ist es nicht! Also hab Geduld, es ist wie alles andere eine Fähigkeit, die JEDER erlernen kann.
In diesem Blogpost stelle ich Dir drei Stimm-Methoden vor, wie Du Deine Gitarre stimmen kannst. Bei zwei der Varianten brauchst Du keinerlei Hilfsmittel außer den Soundfiles, die ich Dir hier ebenfalls bereitstelle.
Zur Übersicht:
- Gitarre stimmen mit Soundfiles für jede Saite (Du kannst direkt zum Online-Video stimmen)
- Gitarre stimmen mit elektronischem Stimmgerät (dazu brauchst Du natürlich eins oder eine App)
- Gitarre stimmen mit Flageoletts und dem “Kammerton A”
- Was Gitarristen beim Gitarre stimmen vermeiden sollten
- Was ist “Schlupf rausziehen”
- Was ist mit Tremolos? Gibt es da was zu beachten?
Was Du generell beachten solltest
- Hör Dir den Ton der Saite an, während Du die Stimm-Mechanik drehst. Wenn Du ohne Klang drehst, kann es schnell passieren, dass Du über das Ziel hinausschießt. Hier kann durchaus auch mal die Saite reißen, wenn Du übertreibst.
- Damit die Gitarre sich nicht gleich wieder verstimmt, musst Du zuerst den “Schlupf rausziehen”. Mehr dazu am Ende des Artikels. Das musst Du allerdings nur bei neuen Saiten machen.
- Achte darauf, die Gitarrensaiten richtig aufzuspannen. Es sollte weder zu viel noch zu wenig Restsaite auf der Mechanik sein. Die Saite muss so um die Mechanik gewickelt werden, dass ein möglichst gerader Saitenzug entsteht. Sonst “hängt” die Saite am Sattel fest und kann sich verklemmen.
- Auch das Stimmen der Gitarre will geübt sein. Am Anfang wird es Dir schwer fallen, und später ist es wie Zähneputzen. Es nervt, aber es ist auch schnell vorbei. Am besten Du gewöhnst Dir an, vor jedem Spielen die Gitarre einmal durchzustimmen.
- Stimme IMMER von unten nach oben. Das heißt, falls der Ton zu hoch ist, stimme ihn extra zu tief und dann von dort auf die richtige Höhe. Warum? Weil die Saiten gerne am Sattel etwas einklemmen. Spielst Du nach dem Stimmen einen harten Anschlag, kann es sonst passieren, dass die Saite direkt wieder verstimmt ist!
Warum verstimmt sich Dein Instrument überhaupt? Für das Verstimmen Deiner Gitarre gibt es viele Gründe. Kommt die Stimmmechanik beispielsweise mit der Gitarrentasche in Berührung, ist direkt eine Gitarrensaite verstimmt (meist D oder G-Saite). Dann hat die Temperatur einen großen Einfluss: Das Material der Saite und die Hölzer der Gitarre dehnen sich bei Hitze verschieden stark aus. Jeder, der schon einmal eine Gitarre aus dem kalten Auto gespielt hat, weiß wovon ich rede. Aber egal warum Deine Gitarre verstimmt ist: Sie muss vor dem Spielen 100% stimmen.
Stimmen mit einer anderen (gestimmten) Gitarre
Meiner Ansicht nach ist diese Methode die einfachste, allerdings musst Du Dich schon ziemlich konzentrieren, denn Du stimmst prinzipiell nach Deinem Gehör. Das ist außerdem ein super Lerneffekt, denn Dein Gehör bildet sich dadurch besser aus und Du schärfst die Wahrnehmung der Töne.
Das Prinzip: Du vergleichst den Klang der anderen Gitarre mit dem, was Du von Deiner eigenen Gitarre hörst und drehst dann nach Gehör die Stimm-Mechanik entsprechend höher oder tiefer, bis Deine Gitarre gestimmt ist.
Was Du hier beachten musst ist, dass es jeden Ton an Deinem Instrument in verschiedenen Oktaven gibt. Eine Oktave ist die Abstands-Bezeichnung von 2 Tönen, die genau die doppelte Frequenz haben. Töne mit doppelter Frequenz bekommen den gleichen Namen, wie z.B. die beiden E-Saiten auf der Gitarre, die aber 2 Oktaven auseinanderliegen.
Beispiel: Die A-Saite schwingt mit einer Frequenz von 110 Hz, am 12. Bund ist die Oktave mit 220 Hz, und am fünften Bund auf der hohen E-Saite ist ein A mit 440 Hz. Achte darauf, dass Du nicht versuchst, die Saite in die nächsthöhere Oktave zu stimmen. Du wirst es nicht schaffen, vorher reißt die Saite nämlich zu 95%, da die Spannung viel zu hoch wird.
Da Du meistens keine andere, gestimmte Gitarre zur Hand hast: Im Video oben zeige ich Dir das Ganze als Online-Referenz.
Gitarren stimmen mit Stimmgerät
Viele werden wohl sagen, dass das Stimmen mit dem Stimmgerät am einfachsten ist. Mit etwas musikalischer Erfahrung, also für leicht Fortgeschrittene, ist das auch so. Ich selbst stimme IMMER mit dem Guitar-Tuner. Allerdings musst Du dabei einige Punkte beachten:
- Stimmgeräte sind entweder speziell für Gitarre oder chromatisch. Die für Gitarre zeigen nur die passenden Noten für die einzelnen Saiten an (Standardstimmung E A D G B E). Chromatische zeigen alle 12 Halbtöne. Beim chromatischen Stimmgerät musst Du also genau wissen, wo Du hinstimmen willst.
- Solltest Du einen Tuner mit eingebautem Mikrofon verwenden, muss die Umgebung still sein. Sonst kann das Gerät den gespielten Ton Deiner Saite nicht erkennen. Ich empfehle ein Stimmgerät über Kabel (E-Gitarre) oder ein Kontakt-Stimmgerät.
- Bevor Du ein Stimmgerät mit Mikro kaufst, nimm lieber eine Stimm-App für Smartphone/Tablet. Die App funktioniert genau so gut und kostet wenig bis gar nichts.
So gehst Du beim Stimmen mit Stimmgerät vor:
- Gitarrensaite anschlagen, am besten etwas weiter am Steg, weil dort mehr Obertöne entstehen und das Stimmgerät so besser den Ton erfassen kann. Auf der E-Gitarre den Stegpickup verwenden und Volume und Tone voll aufdrehen.
- Ton am Stimmgerät kontrollieren. Ist es der richtige? Wenn nicht: Ist der gezeigte tiefer oder höher? Stimme dann erst grob auf den richtigen Ton, danach so, dass die Anzeige des Stimmgerätes in der Mitte steht.
- Das Ganze wiederholen, bis alle Saiten gestimmt sind.
Gitarre stimmen mit Flageoletttönen
Ein Flageolett ist ein natürlicher Oberton. Da Deine Gitarre ein Saiteninstrument ist, wird der Ton durch die Schwingung der Saite erzeugt. Wenn Du die Saite genau in der Mitte teilst, schwingen beide Teile der Saite in genau der doppelten Frequenz. Auf der A-Saite also mit 220 Hz.
Dabei musst Du beachten, dass die Mitte der Saite exakt über dem 12. Bund ist, also direkt über dem Metallstäbchen. Platziere Deinen Finger genau dort, berühre nur ganz zart die Saite, dann schlage mit der anderen Hand an und lass den Finger los.
Die Teilungen:
- Durch 2 geteilt: eine Oktave (Finger über dem 12. Bund)
- Durch 3 geteilt: Oktave und Quinte (Finger über dem 7. Bund)
- Durch 4 geteilt: doppelte Oktave (Finger über dem 5. Bund)
So stimmst Du mit Flageoletttönen:
- Stimme die A-Saite mit einer Stimmgabel oder dem Kammerton A von einer anderen Quelle.
- Stimme die tiefe E-Saite: Flageolett am 5. Bund der E-Saite und Flageolett am 7. Bund der A-Saite vergleichen. Die beiden Töne sollten exakt gleich sein. Sind sie das nicht, hörst Du ein leichtes “jingjingjing”. Drehe die Mechanik so, dass ein gerader, flötenähnlicher Ton entsteht.
- Stimme die D-Saite: Flageolett am 5. Bund der A-Saite, Flageolett am 7. Bund der D-Saite.
- Stimme die G-Saite: Flageolett am 5. Bund der D-Saite, Flageolett am 7. Bund der G-Saite.
- Stimme die B-Saite (H-Saite) mit dem Flageolett am 7. Bund der tiefen E-Saite.
- Stimme die hohe E-Saite nach dem Flageolett am 7. Bund der A-Saite.
Diese Flageolett-Methode ist so ziemlich die genaueste und musikalischste, die ich kenne. Ich habe sie jahrelang benutzt, bevor ich ein richtig ordentliches Stimmgerät hatte.
Was jeder E-Gitarrist unbedingt vermeiden sollte
- Stimme die E-Gitarre nicht nach der 5.-Bund-Methode. Also die A-Saite, indem Du den 5. Bund auf der E-Saite greifst. Selbst wenn Du nur etwas unsauber greifst, ist das Ganze schon ungenau. Und der Fehler wird exponentiell größer, wenn Du die anderen Saiten danach stimmst.
- Gehe nie davon aus, dass die A-Saite stimmt. Hole Dir immer eine Referenz von einer Stimmgabel, einem Metronom mit Kammerton-A oder einem Ton vom Klavier/Smartphone.
Tipps zum richtigen Stimmgerät
Ich habe bestimmt schon 100 Stimmgeräte in meinem Leben in der Hand gehabt, und bis jetzt hat jedes davon funktioniert. Welches man am liebsten nehmen mag, ist Geschmacksache.
Was mir persönlich wichtig ist:
- Schnelle Reaktion auf eine gespielte Saite
- Hohe Genauigkeit
- Kleine Abmessung
- Gut lesbares Display
Meine Empfehlungen:
- TC Polytune: Gibt es als Clip-On Tuner für die Kopfplatte (mein Favorit) und als Bodentreter.
- BOSS Stimmgeräte: Diverse Varianten, die allesamt funktionieren. Mein Tipp für E-Gitarristen: der TU3.
- Peterson Strobe Tuners: Waren vor dem TC meine erste Wahl. Leider sehr teuer.
Was ist “Schlupf rausziehen”?
Das Material der Gitarrensaiten ermüdet mit der Zeit. Vor allem beim ersten Aufziehen bekommt das bis jetzt ruhende Material auf einmal bis zu 12 kg Spannung pro Gitarrensaite. Es dehnt sich dann aus, und selbst wenn Du die Saite auf Stimmung gebracht hast, geht das Ausdehnen langsam weiter bis zu einem bestimmten Punkt.
Der Abstand vom ersten Stimmen der Saite bis zum kompletten Ausdehnen ist der “Schlupf”. Den kann man durch Dehnen der Saiten soweit verringern, dass die Saiten direkt in Stimmung bleiben. Bei Stahlsaiten funktioniert das sehr einfach, bei Nylon-Saiten sehr schwierig. Außerdem muss man vorsichtig sein: Dehnt man zu viel, reißt die Saite.
Besonderheiten bei Tremolos
Tremolos oder Vibrato-Systeme funktionieren nach einem Zug- und Gegenzug-Prinzip. Die Spannung der Saiten wird hinten im Korpus mit der Spannung von 2-3 Federn gehalten. Hier beeinflusst die Spannung einer Saite das komplette System.
Reißt z.B. eine Saite mit 10 kg Zug, ist auf einmal zu viel Gegenzug von den Federn da und jede Saite wird höher. Springt eine Feder raus, werden alle Gitarrensaiten tiefer klingen.
Ich empfehle Anfängern grundsätzlich, kein freischwebendes Tremolo-System zu benutzen. Bei Vintage-Systemen kann man einfach die Federn strammer spannen, bis die Basisplatte auf dem Korpus aufliegt.
Das Stimmen eines freischwebenden Tremolos ist eine Kunst für sich: Da jede Gitarrensaite durch ihre Spannung auch die Spannung der anderen beeinflusst, musst Du 3 bis 6 Durchgänge einplanen. Das dauert, dafür sind diese Systeme meist sehr verstimmungsfrei, wenn Du es dann mal geschafft hast.
Bereit für den nächsten Schritt?
Im Kurs Grundkurs E-Gitarre lernst Du das Thema von Grund auf, mit klarer Struktur und Video-Lektionen.