Kurz & knapp
Wenn jemand fragt, ob mehr Muskeln beim Gitarrespielen helfen, meint er meistens: Wie werde ich schneller? Und da steckt schon der erste Denkfehler drin.
Eine Frage, die ich immer wieder höre, und die ich selbst lange unterschätzt habe. Ich hatte kürzlich ein spannendes Gespräch mit Justin Hombach, der sich intensiv mit Speed-Picking beschäftigt. Was dabei herauskam, hat mich zum Nachdenken gebracht. Nicht weil es revolutionär neu wäre, sondern weil es so klar auf den Punkt bringt, was viele Gitarristen falsch angehen.
Die eigentliche Frage hinter der Frage
Wenn jemand fragt, ob mehr Muskeln beim Gitarrespielen helfen, meint er meistens: Wie werde ich schneller? Und da steckt schon der erste Denkfehler drin. Schnelligkeit beim Picking hat weniger mit roher Muskelkraft zu tun als mit dem richtigen Bewegungsapparat.
Justin bringt es auf eine einfache Formel: Wer schnell picken will, sollte zu etwa 90 Prozent aus dem Handgelenk spielen. Der Arm bewegt sich dabei kaum. Das klingt simpel, ist aber für viele eine echte Umstellung.
Warum das Handgelenk und nicht der Arm?
Der entscheidende Punkt ist Flexibilität. Wer aus dem Arm heraus picked, bemerkt früher oder später, dass die Hand dabei steif wird. Und eine steife Hand ist ein Problem, nicht nur für die Geschwindigkeit, sondern für alles, was sauberes Picking ausmacht: Saitenwechsel, Pick-Slanting, String-Skipping. All das braucht ein bewegliches, reaktionsfähiges Handgelenk.
Ein eindrückliches Beispiel: Steve Morse konnte früher extrem schnell aus dem Arm spielen. Heute hat er Arthrose im Handgelenk und kann es kaum noch bewegen. Er spielt jetzt fast ausschließlich aus dem Arm, aber das Ergebnis ist hörbar unsauber. Das ist kein Vorwurf an einen großartigen Gitarristen, sondern ein Hinweis darauf, was passieren kann, wenn der Körper nicht mitspielt.
Die Grundregel ist logisch: Je kleiner und schneller die Bewegung werden soll, desto mehr sollte sie aus dem Handgelenk kommen. Beim Strumming, also bei großen Bewegungen über mehrere Saiten, kommt natürlich mehr Arm dazu. Das ist auch richtig so. Aber sobald es ums präzise, schnelle Einzelsaiten-Picking geht, ist das Handgelenk die Basis.
Und das Daumengelenk?
Kurze Antwort: Funktioniert bei langsamem Tempo, ist aber keine gute Grundlage für schnelles Spiel. Wer merkt, dass er hauptsächlich aus dem Daumengelenk picked, sollte das langfristig umstellen.
Wo kommen die Muskeln ins Spiel?
Jetzt wird es interessant. Justin beobachtet bei sehr fortgeschrittenen Gitarristen, dass sie Bizeps und Trizeps gezielt anspannen, um noch kleinere, noch schnellere Bewegungen zu ermöglichen. Von außen sieht das aus, als würden sie aus dem Arm spielen. Tatsächlich ist es aber immer noch das Handgelenk, das die Arbeit macht, nur mit muskulärer Unterstützung aus dem Arm.
Justin experimentiert selbst damit: Pronation und Supination mit leichten Hanteln, etwa fünf bis sechs Kilogramm, drei Sätze à zehn Wiederholungen. Gezieltes Training für genau die Bewegungen, die beim Picking gebraucht werden.
Aber, und das ist wichtig, er betont ausdrücklich: Diese extreme Technik sollte man maximal zwanzig Minuten üben, sonst drohen Verkrampfungen. Und für die meisten Gitarristen ist das schlicht nicht nötig. Es ist absolutes Next Level, kein Einstiegspunkt.
Was ist mit dem Plektrum?
Weniger wichtig als du wahrscheinlich denkst. Man kann mit fast allem schnell spielen, theoretisch sogar mit einem Stück Papier oder einem Dosenverschluss. Was zählt, ist der Bewegungsapparat im rechten Arm, nicht das Material zwischen den Fingern. Das nimmt einiges an Druck raus, wenn man gerade dabei ist, seine Technik zu entwickeln.
Saitenstärke und Muscle Memory
Ein Punkt, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Wer auf dünnere Saiten wechselt, merkt schnell, dass sich das Spielgefühl komplett verändert. 9er-Saiten können beim Speed-Picking helfen. Aber Vorsicht: Dickere Saiten ändern das Muscle Memory grundlegend. Wer jahrelang auf dicken Saiten gespielt hat und plötzlich wechselt, muss sich neu kalibrieren.
Wie du eine neue Technik wirklich testest
Hier ist der Ratschlag, den ich am wertvollsten finde: Gib einer neuen Technik drei bis sechs Monate, bevor du urteilst. Nicht eine Woche. Nicht einen Monat. Drei bis sechs Monate.
Das bedeutet konkret: Fokus auf eine Sache, täglich fünfzehn bis zwanzig Minuten, fünf Tage die Woche. Kein ständiges Wechseln zwischen Ansätzen. Und: Film dich selbst beim Spielen. Schau dir an, wie viel sich dein Arm wirklich bewegt. Was sich anfühlt wie Handgelenk, ist oft mehr Arm als gedacht.
Jede Technik lässt sich irgendwie bruteforcen. Die Frage ist: Hast du die Zeit dafür? Ist es effizient? Und lohnt es sich, den Körper dabei zu belasten?
Was bleibt
Mehr Muskeln helfen beim Gitarrespielen, aber nur, wenn die Grundlage stimmt. Wer noch dabei ist, sein Handgelenk als Basis für das Picking zu entwickeln, braucht kein Hanteltraining. Wer diesen Schritt gemacht hat und wirklich auf Extremgeschwindigkeiten zielt, kann gezielt nachsteuern.
Und vor allem: Vergleich dich nicht mit anderen. Jeder Meister hat seinen eigenen Weg gefunden. Dein Weg muss zu deinem Körper, deiner Zeit und deinen Zielen passen.
Häufige Fragen
Was ist die eigentliche Frage hinter der Frage?
Warum das Handgelenk und nicht der Arm?
Und das Daumengelenk?
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