Kurz & knapp
Das zweite Beispiel baut auf Selective Picking auf und kombiniert es mit Hybrid Picking, also dem gleichzeitigen Einsatz von Plektrum und Fingern der rechten Hand.
Es gibt Momente, die verändern, wie du Gitarre siehst. Nicht durch ein Buch, nicht durch eine Unterrichtsstunde, sondern weil du jemanden live erlebst und denkst: Das ist doch nicht möglich. Genau das ist mir mit Tosin Abasi passiert, dem Kopf hinter Animals as Leaders.
Ich sage das nach über 30 Jahren als Gitarrenlehrer nicht leichtfertig: Tosin Abasi ist für mich der innovativste Gitarrist der letzten 15 Jahre. Er spielt anders. Er nimmt andere Techniken. Er probiert Dinge aus, die schlicht niemand sonst so macht. Und erst als ich ihn direkt vor mir auf der Bühne gesehen habe, hat es wirklich Klick gemacht.
Drei Techniken aus seinem Repertoire halte ich für besonders interessant. Eine davon ist relevant für jeden Gitarristen, egal auf welchem Level.
Selective Picking: Weniger anschlagen, mehr herausholen
Die erste und wichtigste Technik nennt sich Selective Picking. Der Name sagt es eigentlich schon: Du wählst bewusst aus, welche Noten du mit dem Plektrum anschlägst und welche du durch Legato-Techniken wie Hammer-On und Pull-Off spielst.
Klingt zunächst unspektakulär. Ist es aber nicht.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: die A-Moll-Pentatonik auf D- und G-Saite. Normalerweise würdest du alle acht Töne anschlagen. Beim Selective Picking sieht das anders aus:
- Hammer out of nowhere: Du hämmerst den ersten Ton, ohne vorher anzuschlagen
- Pull-Off für den zweiten Ton
- Dann nur noch zwei Noten mit Down- und Upstroke
Das ergibt pro Saitenpaar ein Muster: Hammer, Pull, Pick, Pick. Vier Töne, aber nur zwei davon werden wirklich angeschlagen. Das Ergebnis klingt wie ein rhythmisches Impulsmuster: gleichmäßig, fließend, aber mit einer ganz eigenen Energie.
Der entscheidende Gedanke dahinter: Du verteilst die Arbeit bewusst auf beide Hände. Die linke Hand übernimmt mehr Verantwortung für die Tonerzeugung, die rechte Hand wird entlastet und kann präziser eingesetzt werden.
Hybrid Picking und gehämmerte Akkorde
Das zweite Beispiel baut auf Selective Picking auf und kombiniert es mit Hybrid Picking, also dem gleichzeitigen Einsatz von Plektrum und Fingern der rechten Hand.
Konkret: Der Mittelfinger oder Ringfinger zupft die hohe E-Saite leer an. Gleichzeitig wird ein E-Moll-Dreiklang auf den oberen drei Saiten komplett gehämmert: erster Finger auf den 7. Bund der E-Saite, zweiter Finger auf den 8. Bund der B-Saite, dritter Finger auf den 9. Bund der G-Saite. Alle drei Töne entstehen nur durch Hammer-Ons, kein Anschlag von rechts. Danach folgen zwei Noten mit Upstroke und Downstroke.
Was hier passiert, ist der eigentliche Trick: Die Töne werden auf linke und rechte Hand aufgeteilt. Die linke Hand erzeugt den Akkord, die rechte Hand ergänzt einzelne Töne durch Zupfen. Das klingt voller, als es technisch eigentlich sein sollte, und genau das macht es so interessant.
Thumping: Ehrlichgesagt sehr schwer
Die dritte Technik heißt Thumping. Dabei wird der Daumen der rechten Hand wie ein kleines Schlagzeug eingesetzt: Downstroke mit dem Daumen, Upstroke mit dem Daumen, und dann zupfen die übrigen Finger (Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger) einzelne Saiten.
Ich sage dir ganz offen: Das kann ich selbst nicht gut. Thumping ist eine hochspezialisierte Technik, die jahrelanges gezieltes Üben erfordert. Es ist die Technik, bei der Tosin Abasi am weitesten von dem entfernt ist, was die meisten Gitarristen jemals brauchen werden.
Was du wirklich mitnehmen kannst
Hier ist meine ehrliche Einschätzung nach all den Jahren: Du musst nicht alles können, was ein Spezialist macht. Das wäre auch ein falsches Ziel.
Aber Selective Picking ist eine andere Geschichte. Diese Technik hat das größte Potenzial für den Alltag, weil sie keine komplett neue Spieltechnik erfordert, wie z.B. Thumping. Du nimmst etwas, das du schon kennst (Hammer-Ons, Pull-Offs, Picking), und kombinierst es bewusster. Du denkst anders darüber nach, welche Note wirklich angeschlagen werden muss und welche nicht.
Das verändert, wie du Läufe baust. Wie du Phrasen gestaltest. Wie sich dein Spiel anfühlt.
Genau das ist der Wert, wenn man außergewöhnliche Gitarristen studiert: nicht kopieren, sondern einzelne Ideen herauslösen und ins eigene Spiel integrieren. Und manchmal braucht es eben diesen einen Live-Moment, um zu begreifen, dass etwas wirklich möglich ist.
Häufige Fragen
Was bedeutet Selective Picking?
Was steckt hinter "Hybrid Picking und gehämmerte Akkorde"?
Was bedeutet Thumping?
Deine Technik aufs nächste Level bringen" a: "Die dritte Technik heißt Thumping. Dabei wird der Daumen der rechten Hand wie ein kleines Schlagzeug eingesetzt: Downstroke mit dem Daumen, Upstroke mit dem Daumen, und dann zupfen die übrigen Finger (Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleiner Finger) einzelne Saiten." a: "Die dritte Technik heißt Thumping.
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